Music Man Reflex 5HSS

Seit Anbeginn meiner "Bassistenkarriere" habe ich MusicMan Bässe gespielt. Angefangen habe ich mit einem geliehenen Stingray 5 bis ich mir etwas später einen eigenen Stingray 5 gekauft habe. Den habe ich einem Stingray 5HH zuliebe wieder verkauft, ein (MusicMan) SUB5 folgte kurze Zeit später. Ich habe 12 Jahre lang zwar immer wieder andere Bässe getestet und auch längere Zeit ausprobiert, war aber mittlerweile dermaßen auf den MusicMan Sound fixiert, dass kein anderer Bass länger blieb. Bis ich den Fender Roscoe Beck V für mich entdeckte. Mein Stingray stand immer öfter nur in der Ecke rum und verstaubte zusehends. Jahrelang schätzte ich den sehr dominanten Stingray Sound, jetzt störte er mich immer mehr. Ich verkaufte den Stingray 5HH, kurze Zeit später auch meinen SUB5 (den ich eigentlich sogar noch ein wenig lieber gespielt habe...).
Mir gefiel der angenehm "weiche" und gediegene Klang des Roscoe Beck, wenn ich etwas mehr "Rock" wollte, nahm ich den Fender DLX Precision V.

Als 2009 der MusicMan 25th Anniversary Bass anlässlich des 25 jährigen Jubiläums Ernie Balls als Besitzer der Fa. MusicMan vorstellte, gefiel mir dieser Bass auf Anhieb. Aus diesem Sondermodell sollte schließlich der Reflex werden. 
Meine Vorliebe für kompakte Abmaße und Matched Headstock Lackierungen wurden bedient, ebenso meine Vorliebe für die Einsatzmöglichkeit von verschiedenen Pickup-Kombinationen. Was mich jedoch abschreckte. Der Preis!

Irgendwie fehlte mir dann doch der MusicMan Sound in meinem Repertoire und so habe ich mir meinen lang gehegten Wunsch erfüllt und kaufte einen MusicMan Reflex 5 HSS.

Übersicht

  • Hersteller: MusicMan
  • Modell: Reflex 5 HSS
  • Baujahr: 2012
  • Korpusholz: Esche mit Mahagoni ToneBlock, Ahorn Decke
  • Mensur: 34", 864mm, Longscale
  • Sattel: Compensated Nut (Kunststoff)
  • Halsbreite: Sattel 46 mm, 12. Bund 62 mm
  • Bünde: 22, Medium Jumbo
  • Griffbrettradius: 11" (28 cm)
  • Hals: 5-fach verschraubt, Ahorn mit Palisander Griffbrett
  • Hardware: Chrom
  • Mechaniken: MusicMan Lightweight Stimmmechaniken, Standard MusicMan Bridge
  • Tonabnehmer: 1x MusicMan Humbucker (Keramikmagneten), 2x MusicMan Stacked SingleCoil mit Neodymmagneten 
  • Elektronik: aktiv (18 Volt) / passiv, 4-Band EQ
  • Gewicht: 4,4 kg


Handling

Der Bass wird in einem passgenauen MusicMan Kunststoff-Koffer geliefert. Der erste Eindruck: Ein top-verarbeitetes Instrument, keine schief sitzenden PU-Schrauben, keine große Spaltmaße, nichts wackelt und die Lackierung ohne Makel.
Anders als man trotz der sehr kompakten der Axis-Gitarre sehr ähnlichen Korpusmaße vermuten könnte, bringt der Bass ein stattliches Gewicht auf die Waage. Es ist etwas ungewöhnlich, nach langer Fender und Stingray-Zeit einen so kompakten Bass sitzend zu spielen. Der Body weist ein angehmes Shaping auf und bietet eine angehme Arm-Auflage, das Body-umlaufende Binding wirkt sehr edel.



Die ersten 25th Anniversary Bässe und die ersten Reflex Bässe wurden mit gekapselten (Gotoh) Stimmmechaniken versehen. Mittlerweile setzt MusicMan eigenentwickelte "Lightweight" Mechaniken ein:


Aufgrund dessen, dass die Kopfplatte nicht nach hinten geneigt ist, wird zum Erreichen des notwendigen Andruckes der Saiten ein Saitenniederhalter über alle fünf Saiten verwendet. Bisher habe ich noch keine Saiten wechseln müssen, stelle mir dieses jedoch ein wenig schwieriger vor, zumal man die makellose Lackierung nicht zerkratzen möchte... 

Wie bei mittlerweile allen MusicMan Bässen wird auch hier ein s.g. "Compensated Nut" (Saddle) eingesetzt. Dieser erlaubt eine saubere Intonation, was sich insbesondere beim Spiel mit Leersaiten bemerkbar machen soll. Dazu später mehr...


Obwohl die Kopfplatte im Vergleich zu anderen Bässen ebenfalls recht klein ausfällt, neuentwickelte leichte MusicMan Stimmmechaniken verwendet werden und der rel. schwere Body ein "Gegengewicht" darstellt, ist eine leichte Tendenz zur Kopflastigkeit festzustellen. Ich habe den Bass mittlerweile während einiger längerer Live-Gigs einsetzen können. Man gewöhnt sich recht schnell an diese leichte Kopflastigkeit, die ich jetzt nicht unbedingt als sooo störend empfinde. Da kenne ich andere "Kaliber", bei denen man ständig dagegen halten muss...
Aufgrund des kleineren Korpusses hängt der Bass "irgendwie anders" im Gurt. Dies zeigt sich darin, dass die "Greifhand" (-arm) weiter als gewöhnlich gestreckt werden muss, um die tiefen Lagen zu spielen. Aber auch daran gewöhnt man sich... 

Vergleich Headstock MusicMan Reflex / Fender RBV:


Vergleich Bodymaße MusicMan Reflex / Fender RBV:


Der Hals hat ein angenehmes flaches Profil mit im Vergleich zu anderen 5-Saitern relativ kleinen Abmaßen. Im Spielbereich ist die Halsrückseite geölt und gewachst, was eine sehr gute und schnelle Spielweise erlaubt. Wer jedoch Grobmotoriker-geeignete-Fender-5-Saiter-Hälse gewöhnt ist, muss hier seine Spielweise ein wenig anpassen: Die H- und die g-Saite liegen ein wenig näher am Griffbrettrand als bei den oben erwähnten Fender-Hälsen. Hinzu kommt, dass die Bünde vergleichsweise ein wenig stärker abgerundet sind, so dass bei einer "Hau-Ruck"-Spielweise schnell mal die Saiten abrutschen...


Sounds

Bei der Auswahl meiner Bässe möchte ich u.a. auf einen Mehrband-EQ und auf die Möglichkeit zurückgreifen zu können, verschiedene Pickup-Variationen (wahrlich ein Meister darin: der Fender Roscoe Beck) kombinieren zu können. Dies führte mich ja ehemals auch zum o.g. Stingray5HH, welcher viele Auswahlmöglichkeiten bereit hält (hier sehr gut beschrieben). Was mich jedoch störte war die Tatsache, dass dieser typische knallige Stingray Sound immer zu hören war, egal welche Schaltung man wählte. Angenehm überrascht war ich beim ersten Antesten eines Reflex-Basses im Laden: Der kann ja wirklich "ganz anders" klingen!

Der Reflex wird in drei verschiedenen PU-Kombinationen hergestellt: 

Single Humbucker, 
Humbucker/Humbucker (HH) und 
Humbucker/SingleCoil/SingleCoil (HSS). 

Ich habe einen Stingray und SUB (H) und einen Stingray HH besessen, so habe ich mich für einen Reflex HSS entschlossen. Ich fand die Verwendung von zusätzlichen SingleCoils zum (Standard) MusicMan Humbucker verlockend.

Das Bedienfeld des Reflex 5 HSS mag auf den ersten Blick verwirrend wirken:


Es besteht aus vier Druckschaltern, einem 4-Band EQ, einem ToneBlend (passiv only) und einem Volume Regler. Was kann man damit anfangen?

Jeder Pickup kann mit einem jeweiligen Druckknopf aktiviert/deaktiviert werden. Eine Besonderheit jedoch: Wird kein Druckknopf betätigt, wird der Humbucker (only) im seriellen Modus betrieben. Ein ordentliches basslastiges aber dennoch sehr drahtiges "Pfund" knallt in dieser Einstellung aus den Speakern. Wird der Humbucker Druckknopf betätigt, wird der Humbucker (only) im parallel Modus betrieben. Dies ist quasi die "Standard" MusicMan Schaltung, der bekannte mittenbetonte und harte Klang eines MusicMans ist zu vernehmen. Natürlich werden gleich ein paar Interessierte den Sound-Vergleich zum Klassiker (Stingray) erfragen: Die Familie ist deutlich herauszuhören, der Klang ist jedoch nicht identisch. Der Humbucker liegt um einiges näher an der Bridge als bei den herkömmlichen Single-Humbucker Stingrays. Dadurch ist der Humbucker Sound des Reflex deutlich Mitten/Höhen betonter. Jedoch lässt der sehr gut eingreifende EQ eine Anpassung in Richtung des "Originals" recht gut zu.

Die SingleCoils sind in s.g. "Stacked" Bauweise ausgeführt, was eine absolut brumm- und rauschfreie Betriebsweise ermöglicht. Wie nicht anders zu erwarten, geht der Klang des Basses beim aktivieren eines oder beider SC deutlich "in die Breite". Er wird "runder" und betont mehr den Bass. Interessant ist der mittlere SingleCoil only Modus. Hier sind sogar recht gute Precision-Sounds möglich, wenn man die Low-Mitten ein wenig betont.
Beim Wechsel vom Humbucker only in einem der beiden SingleCoil Betriebsweisen fällt ein Lautstärkesprung auf. Die Singlecoils für sich sind etwas leiser als der Humbucker, natürlich noch leiser als der Humbucker im seriellen Modus.

Der 4-Band Equalizer wird mit zwei Stacked-Potis bedient. Die Frequenzbänder sind stimmig gewählt worden, wobei das Höhenband nur sehr wenig Wirkung auf den Klang hat. Sehr gut und hilfsreich sind die beiden Mittenbänder. Mit diesen beiden Bereichen kann man so ziemlich alle Wünsche der Soundgestaltung abdecken. I.d.R. lasse ich den Bass und den Treble Regler in Neutralstellung, während ich die Low-Mitten ein wenig betone und die High-Mitten ein wenig zurücknehme. Um einen richtig schönen Preci-Like Sound zu erhalten schalte ich den den mittleren SC only und betone die Low-Mitten stark. 

Zu guter Letzt kann man die Elektronik des Basses passiv schalten. Der 4-Band EQ ist deaktiviert, zur Klangformung steht lediglich ein ToneBlend zur Verfügung. Im PassivModus wird der enorm hohe Output des Basses ein wenig gedrosselt. Der Sound verliert ein wenig die "Spitzen", bleibt aber dennoch sehr prägnant. Die Höhenblende arbeitet weit abgestimmt und lässt keine Wünsche offen. Ich spiele nur selten (bis gar nicht) im PassivModus, da ich gerade den 4-Band EQ sehr in meine Klanggestaltung miteinbeziehe und dieser nur im AktivModus zur Verfügung steht.

Die Elektronik (18 Volt!) des Basses ist in einer großzügig dimensionierten Fräsung untergebracht und wird von einem Aluminium-Deckel geschützt und gleichzeitig abgeschirmt.

Fazit

Alleine schon aufgrund des recht hohen Preises (ca. 3000 Euro) wird dies kein Bass sein, den man oft auf Bühnen sehen wird. Eigentlich schade, denn 1.) finde ich den Bass optisch ganz gut gelungen und 2.) klingt er auch noch richtig gut und ist vielseitig einsetzbar. 
Die auf den ersten Blick verwirrende Anordnung von Knöpfen und Potis erschließt sich recht schnell. Hat man sich nach kurzer Zeit "eingearbeitet" kann man eine Vielzahl von Sounds wählen. Der Equalizer ist die "Geheimwaffe" dieses Basses. Sehr gut abgestimmt und beherzt eingreifend kann man in Verbindung mit der vielfältigen PU-Wahlmöglichkeit so ziemlich jede Soundvorstellung verwirklichen.

Was mich bisher an allen Stingrays gestört hat, war die Unausgewogenheit der einzelnen Saiten. Dies kann ich beim Reflex nicht feststellen. Eigentlich vermeide ich ein Leer-Saiten-Spiel, da hier einige Bässe gerne "schlabbrig" klingen. Beim Reflex macht es sogar richtig Spaß, da die Töne deutlich satter und definierter klingen.

Der sehr hohe Output des Basses kann jedoch für so manche Effektkette (ebenso für so manche Amp-Eingangsstufe) zu viel sein. In Verbindung mit dem sehr drahtigen und Höhenbetonten Sound klingen manche Zerrpedale richtig grausig...

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