Orange OR 120

Die britische Marke Orange ist schon recht lange im Geschäft und in Gitarristen- und Bassistenkreisen gleichermaßen bekannt. Beide Lager bedient(e) Orange schon seit 1968 mit leistungsstarken, robust aufgebauten und einfach zu bedienenden Amps und Cabs. Ganz traditionell in orangefarbenem Tolex und mit kryptisch beschrifteten Frontblenden sind die Amps und Boxen auf keiner Bühne zu übersehen.

 

Ich habe lange Zeit einen Bogen um die orangefarbenen Amps gemacht. Aus reiner Neugier habe ich mir einen AD200 MKIII gekauft, der mir nach kurzer Zeit schon nicht mehr gefiel. Es ist schon ein Weilchen her und ich kann schon gar nicht mehr genau sagen, was mir nicht gefallen hat.

 

Als mir dann ein preisgünstiger OR120 angboten wurde, konnte ich einfach nicht nein sagen und nahm das Angebot an. Und das, obwohl ich nicht wusste, was mich erwartet.

 

Überblick

  • Röhrenbestückung: 4 x EL34, 2 x ECC83
  • Ausgangsleistung: 120 Watt RMS an 4 / 8 / 16 Ohm
  • Eingänge: Klinke Aktiv, Klinke Passiv
  • Ausgänge: Line out
  • Effektwege: 1x mono seriell
  • Klangregelung: Bass, Treble
  • Maße: 55 x 26 x 23 cm (BxHxT)
  • Gewicht: 22 kg

 

Konzept

Laut Serial ist mein OR120 im Jahre 1974 gefertigt worden. Der äußere Zustand beweist, dass der Amp gespielt wurde. Die Gebrauchsspuren sind dennoch nur minimal zu erkennen, was die robuste Bauweise des Amps unterstreicht. Das Verstärker-Chassis wurde aus dickem Metall gefertigt, das Gehäuse besteht aus 3 cm dickem Holz, welches mit einem widerstandsfähigem Tolex in der bekannten orangenen Farbe verklebt wurde. Plastik-Kappen schützen die Ecken des Gehäuses gegen Stöße. Ein oberseitig angebrachter Trageriemen dient zum Transport des Amps.

Trotz seines Alters und der jahrelangen Nutzung funktioniert der Amp tadellos. Beim Einschalten ertönt kein unschönes ploppen und er ist erstaunlich Nebengeräusch-arm.

Zwei Klinkenanschlüsse stehen bereit, passive oder aktive Bässe anzuschließen. Anders als beim später eingeführten OR120 Overdrrive verfügt der OR120 über keine getrennte Gain-Master Regelung. Die Gesamtlautstärke des Amps wird mit Gain geregelt.

Zur Klangformung stehen vier Möglichkeiten zur Verfügung:

 

F.A.C. ist im Prinzp ein Klangfilter, welcher es ermöglicht, in sechs verschiedenen Stufen den Bass- und Mitten/Höhen Anteil vorzuwählen. D.h. wenn der gerasterte Drehschalter im Uhrzeigersinn gedreht wird, wird der Bassanteil geringer und die Mitten/Höhen werden deutlicher. Aber Vorsicht! Zumindest bei meinem OR120 erfolgt das Umschalten mit einem lauten "Plop". 

Hz regelt die Bässe, während Khz die Mitten/Höhen regelt. Das Bass-Poti verrichtet noch recht deutlich seinen Dienst, während das Arbeitsband des Mitten/Höhen-Poti recht hoch angesetzt wurde. Ich spiele gerne recht Höhen-arme Sounds, somit drehe ich diese Poti gern "zu", da es schon bei geringen Einstellungen recht "brizzlige" Höhen produziert .

HF. Drive ist eine Art "Presence"-Control. Wird der OR120 als Bass-Amp genutzt, bewirkt dieses Poti nur minimale Soundänderungen. Wird der Amp zur Verstärkung von Gitarren genutzt, ist die Wirkung des Potis deutlicher zu hören. Im Uhrzeigersinn gedreht ändert der Sound sich von "pappig" mehr zu "offen" und "luftiger".  

Die Rückseite wirkt ebenfalls sehr "aufgeräumt", sind hier doch außer der Ausgänge (Klinke) für Boxen keine weiteren Anschlussmöglichkeiten vorhanden.

Die korrekte angeschlossene Impedanz wird mit einer steckbaren Brücke, welche wie ein Drehschalter aussieht, eingestellt. So können Boxen mit Gesamtimpedanzen von 4, 8 oder 16 Ohm angeschlossen werden.  

Ich finde es immer wieder schön anzusehen, wie wenig Bauteile eigentlich nötig sind, um "laut" zu machen. Das Innenleben des Orange OR120 ist wunderbar aufgeräumt und übersichtlich und absolut wartungsfreundlich. Die wenigen verwendeten Bauelemente sind größtenteils auf einer Platine untergebracht, der Rest ist relativ übersichtlich verkabelt.

Es gibt kein Bauteil im Inneren des Amps, welches heutzutage nicht ersetzt werden kann. Und das bei einem 45 Jahre alten Verstärker! 

Für einen Amp der 100 Watt Klasse bringt der OR120 ein beachtliches Gewicht auf die Waage. Erheblich dazu beitragen werden die beiden sehr großzügig ausgelegten Trafos, die auf dem ebenfalls aus dickem Blech gefertigtem Amp-Chassis angebracht wurden.

Der Amp kommt ohne aktive Lüftung aus, d.h. auf eine Lüftung durch einen Fan wurde verzichtet. Da der OR120 bei Betrieb doch sehr warm wird, ist es empfehlenswert, die rückseitigen Lüftungsgitter nicht zu verdecken.

Die umlaufenden verchromten Stahlgriffe erleichtern sehr den Ein- und Ausbau des Amps aus dem Gehäuse und schützen gleichzeitig die überstehenden Potis auf der Frontseite. 

Sound

Anders als heutzutage wurde in den 60igern und 70igern noch nicht wirklich zwischen Gitarren- und Bassverstärkern unterschieden. Amps wurden von beiden "Lagern" genutzt und Vorzüge für die eine oder andere Anwendung wurden erkannt.

Die Band, in welcher ich spiele, nimmt nur noch wenig wahr, wenn ich mit verschiedenen Amps spiele bzw. experimentiere. So kommt es nicht häufig vor, dass sie überhaupt bemerken, dass ich einen anderen Amp als üblich spiele. Als ich jedoch das erste Mal den Orange OR120 zu einer Probe mitbrachte, einstöpselte und anspielte, horchte die Band auf. Irgendetwas ist anders. Die Optik hat natürlich dazu beigetragen, denn zu übersehen ist der Amp aufgrund seiner nicht gerade unauffälligen Farbe und seiner Abmaße nicht.

Ich spiele gerne Röhren-Amps der 100 Watt Klasse und weiß daher, dass die Leistung dieser Amps völlig ausreichend ist, sich im Probenraum und auf der Bühne zu behaupten. Der OR120 legt jedoch "´ne Schippe drauf". Durch sein recht Mitten-lastiges Voicing setzt er sich gnadenlos im Bandgefüge durch. Er ist einfach verdammt "laut".

Er verfügt über keine getrennte Gain-Master-Regelung. Somit ist man bezüglich der Ausgangslautstärke ganz auf das Gain-Poti angewiesen, welches nur sehr vorsichtig bedient werden sollte. Gefühlt bewirken minimale Regelungswege üppige Pegelsprünge. 

Der Sound klingt in allen Einstellungen rauh, auf keinem Fall clean. Aber trotzdem irgendwie nicht verzerrt. Ich habe es nicht geschafft, mit dem Amp Zerrsounds zu erreichen, weil dies nur bei abnormen Lautstärken möglich wäre.

Wie schon erwähnt, klingt der Amp klingt recht Mitten-lastig und der Sound dadurch recht schnell sehr hart. Zum Glück verfügen meine Bässe (fast ausschließlich Music Man) über wirkungsvolle aktive Elektroniken, so dass ich die Klangformung größtenteils am Bass vornehme.

Mit dem Bass-Poti sind Soundformungen noch gut möglich, während des Mitten/Höhen-Poti nur minimale Soundformungen zulässt. 

Kurzum: Den OR120 würde ich eher als one tone amp bezeichnen. Er klingt sehr direkt und knackig und fühlt sich daher eher in Rockgefilden sehr wohl. Für smoothe Jazzsounds würde ich einen anderen Amp wählen.