Gallien-Krueger Legacy 800

Bereits Anfang 2018 erschienen Informationen sowie Fotos von neuen Verstärkern aus dem Hause Gallien-Krueger im Internet. Anfangs sah es aus, als würde man gleich drei neue Amps vorstellen wollen, schnell stellte sich jedoch heraus, dass vorerst nur ein neuer Amp erhältlich sein wird, der Legacy.

Fotos zeigten, dass man sich bei der Optik der Amps stark an das Aussehen der alten RB-Reihe orientierte. Selbst in den ersten Ankündigungen wurde oftmals an die "selben Gene" erinnert. Große Worte, die die Erwartungen wachsen ließ.

Es dauerte jedoch noch bis zum Frühjahr 2019, bis erste Amps der neuen Linie im Laden käuflich erworben werden konnten. Freilich, bis die ersten Amps nach Europa schwappten, dauerte es wie üblich nochmal ein knappes halbes Jahr.

Als eingefleischter Gallien-Krueger User konnte ich nicht so lange warten und habe kurzentschlossen einen Legacy 800 Wochen vor Markteinführung in Deutschland im Ursprungsland gekauft und mit großer Spannung die Ankunft und ein erstes Testen erwartet.

Übersicht

  • Bauform: Topteil im Metallgehäuse
  • Technik: Transistor / Class D
  • Maße: 280 x 60 x 235 mm (BxHxT)
  • Gewicht: 2,6 kg
  • Leistung: 800 Watt an 4, 2,7 o. 2 Ohm, 400 Watt an 8 Ohm
  • Eingänge: Instrument (Klinke), AUX in (Klinke)
  • Ausgänge: Speaker (Speakon), Headphone (Klinke), DI-Out (XLR)
  • Klangregelung: Bass, Lo Mid, Hi Mid, Höhen, Drive
  • Sonstiges: Overdrive (schaltbar)

Konzept

 

Die Optik des Amps erinnert sehr an die alten GK-Amps. Nicht nur bei der Farbgebung, auch bei der Anordnung der Bedienelemente hielt man sich recht nahe am großen Vorbild. Erste Fotos des Amps vermittelten den Eindruck, dass die Abmaße des Legacy größer gewählt wurden, als man sie von heutigen Mini-Amps kennt. Ein Direktvergleich zeigt,...

...dass der Legacy nicht zu den Winzlingen gehört, bei denen aus Platzgründen die Potis Bediener-unfreundlich eng beieinander angeordnet werden mussten.

Während das Gehäuse des 800RB aus dickem Stahlblech gefertigt wurde, verwendet man beim Legacy relativ dünnes Aluminiumblech. Die hervorragenden Potis sind seitlich durch Metallbügel geschützt.

Die Gummifüße des Amps sind recht schmal, die auf unebenen Untergrund nur wenig zur Standsicherheit des Amp beitragen können.

Eine Aufnahme für optionale Rackwinkel kann ich nicht erkennen.

Nachdem Gallien-Krueger mit der Vorstellung der Fusions von seinem über Jahrzehnten bewährtem Konzept der Solid State Amps abwich, wurde mit dem Legacy genau dieses wieder in den Vordergrund gestellt. Man wollte auch klanglich dem 800RB nahe kommen, gleichzeitig jedoch nicht die aktuelle Marktentwicklung hin zu Class D Verstärkern verpassen.

Die Klangformung erfolgt durch einen auf Halbleiter basierenden Preamp, zur Leistungsverstärkung werden leistungsstarke und impulsfeste Power-Module aus dem Hause B&O eingesetzt. 

Anders als in vielen Verstärkern anderer Hersteller, werden die separaten Platinen des Preamps, des PowerAmps und der Output-Section nicht mit Kabeln bzw. Flachbandkabeln verbunden. Beim Legacy werden die Platinen durch Leiterplatten verbunden, deren Stecker vergoldet sind. Gallien-Krueger verspricht sich dadurch eine höhere Ausfallsicherheit. 

Obwohl ein großer Teil der Wärme, die das Power-Modul im Betrieb entwickelt, per Direktkontakt über den Metall-Deckel des Gehäuses abgeführt wird, kommt der Legacy nicht ohne aktive Kühlung aus. Gleich zwei Fans (Ø 40 mm) wurden dem Amp spendiert, die für genügend Abwärme sorgen sollen. Sie wurden seitlich des Amps angeordnet und sind durch Metallgitter geschützt.

Diese kleinen Luftquirle sorgen oftmals für störende Nebengeräusche während der Spielpausen oder wenn die Amps zu Hause im leisen Kämmerchen zum üben eingesetzt werden. Die Lüfter des Legacy sind Temperatur-gesteuert. Es dauert sehr lange, bis sie überhaupt anfangen zu arbeiten. Erst nachdem dem Amp einige Leistung über einen längeren Zeitraum abverlangt wurde, wird das Gehäuse handwarm und die Lüfter sorgen für die notwendige Wärmeabfuhr.

Bedienelemente

Wer die alten Amps aus dem Hause Gallien-Krueger kennt, wird sich beim Legacy schnell zurecht finden:

Für den Anschluss des Basses steht ein Klinkeneingang zur Verfügung. Die Aussteuerung der Eingangsempfindlichkeit erfolgt mit trimEine rot leuchtende clip-LED soll dabei helfen und zeigt an, wenn der Eingang übersteuert wird.

Wenn man sich schon am 800RB orientiert haben möchte, dann fehlt dem Legacy aber ein entscheidendes Detail: Das Boost-Poti. Diese Boost-Schaltung trägt einen wesentlichen Teil zum legendären Rock-Sound des 800RB bei, verleiht sie dem Sound doch einen gewissen Growl. Es fällt mir schwer, den Legacy nur über den Input-Gain zum zerren zu bringen. Dazu ist die Eingangsschaltung sehr gutmütig konzipiert worden. Um den Ton rauher werden zu lassen, muss der schaltbare Overdrive aktiviert werden. Dies kann per Kippschalter oder per Fußschalter (dazu muss der frontseitige Kippschalter in der up-Position bleiben) erfolgen.

Nun übernimmt das drive-Poti eine weitere Aussteuerung des Gains und damit die Zerr-Intensität. Lautstärkesprünge werden mit level ausgeglichen. Mit edge können die Hochmitten im Zerrsound betont werden.

Der 4-Band Equalizer ist ganz GK-typisch aufgebaut:

  • Bass (±10dB @ 60 Hz),
  • Low-Mid (+6/-10 dB @ 250 Hz),
  • Hi-Mid (±6dB @ 1 kHz)
  • Treble (±14 dB @ 7 kHz)

Drei per Kippschalter aktivierbare Presets bump, contour und presence dienen einer weiteren Anpassung des Wunschsounds:

 

bump fügt dem Sound noch einen leichten Schub Bässe um die 60 Hz hinzu. Warum man hier vom loCut des 800er abweicht, weiß ich nicht. Der ohnehin schon recht basslastige Grundsound des Legacy wird dadurch eine gewaltige Spur voluminöser, sollte jedoch in Räumen mit schwieriger Akustik deaktiviert bleiben.

 

contour macht genau das, was viele andere anders betitelte und beliebte Presets an anderen Amps auch machen: Die Mitten werden deutlich abgesenkt (bei ca. 500 Hz), die Bässe bei 50 Hz und die Höhen bei 7 kHz betont. Kurzum: der typische Badewannensound entsteht.

 

presence betont die Höhen bei 3 kHz und drängt sich für meinen Geschmack zu sehr in den Vordergrund. Der Sound wirkt schnell zu knallig und spitz. Gerade bei der Verwendung von Bässen, die über klare Mitten/Höhen verfügen, klingt es dann schnell "übertrieben"...

Auf der Rückseite des Amps befinden sich die Anschlüsse für den Direct Out, welcher wahlweise pre/post EQ abgegriffen werden kann, der Anschluss für einen Tuner (always signal), der Send/Return des FX-Weges und die Klinkenbuchsen (3,5 mm) für den HeadphoneOut sowie des Aux In. Beide Anschlüsse können hilfreich sein, wenn man den Amp zu Hause zum üben einsetzen möchte.

Zwei parallel verschaltete Speakon-Buchsen dienen zum Anschluss der Box(en). Mit einem Schiebeschalter kann die korrekte Impedanz der angeschlossenen Box(en) gewählt werden.

Praxis / Sound

Wird der Amp mit dem Stromnetz verbunden, wird dies durch eine grell leuchtende LED angezeigt, die den Standby-Modus quittiert. Schaltet man den Amp mit dem rückseitig vorhandenen Wippschalter ein, leuchtet eine blaue LED auf. Zwei weitere LEDs leuchten auf, wenn der Amp aufgrund hoher Temperaturen oder aufgrund eines Fehlanschlusses in den Protectmodus schaltet. 

 

Anders als ich es bisher von Gallien-Krueger Amps kenne, startet der Legacy nicht mit einem lauten "Plopp". Kein Brummen, Rauschen oder Knacken ist zu hören, der Amp ist absolut frei von Nebengeräuschen.

 

Ich startete mit allen Reglern auf Neutral. Der Sound ist relativ basslastig, durchsetzt mit deutlichen Hochmitten/Höhen. So erinnert er nicht an meinen 800RB, den ich mittlerweile seit Jahren spiele. Dieser klingt bei gleicher EQ-Einstellung deutlich ausgewogener. Abhilfe schafft es, wenn man die Bässe ganz leicht heraus dreht. Jetzt steht der wuchtige 800er Sound im Raum! Dennoch klingt der Legacy deutlich "klarer", während der 800er immer leicht komprimiert und "knusprig" klingt

 

Während ich beim 800RB das contour-Preset fast immer aktiviert lasse, ist es beim Legacy anscheinend anders abgestimmt worden. M.E. werden die Bässe und Mitten weit mehr betont bzw. abgesenkt.

Die Möglichkeit, die Bässe noch mehr als ohnehin schon vorhanden betonen zu können (bump), habe ich bisher noch nicht wirklich einsetzen können. An dieser Stelle hätte ich mir den bekannten LoCut gewünscht, der "Dröhnfrequenzen" geschmackvoll unterbinden konnte.

 

Wie schon bei meinen anderen Amps aus dem Hause Gallien-Krueger ist das presence-Preset für mich unbrauchbar. Ich bevorzuge halt einen relativ Höhen-armen Sound, während mit diesem Preset die Höhen recht stark betont werden.

 

Die Aufteilung der Frequenzbänder des 4-Band Equalizer wurde wie bei den alten GKs gewählt. Die Regelweite der einzelnen Potis erlauben keine drastische Soundveränderungen, sie ermöglichen jedoch eine feinfühlige Einstellung des Wunschsounds.

 

Der Grundsound des Amps ist clean, mit leichter Neigung zu den Bässen. Doch wie steht es mit dem GK-Growl? Wie schon geschrieben, verfügt der Legacy nicht über das eine Boost-Poti, welches den Sound stark beeinflussen konnte und viel zum typischen GK-Knurr beigetragen hat.

Um dem Legacy "growlen" zu lassen, muss der Overdrive per Kippschalter oder per (im Lieferumfang enthaltenden) Fußschalter aktiviert werden. Nur während man beim alten 800er nur ein Poti benötigte, muss hier per drive die Zerrintensität eingestellt werden und die mit höher eingestellter Intensität höher ausfallende Lautstärke muss mit level wieder "eingefangen" werden. Mit edge können zusätzlich die Höhen im Overdrive-Sound beschnitten/betont werden. 

Es ist nicht ganz sooo leicht, den typischen GK-Krisp einzustellen, doch es ist möglich. Und: Im Gegensatz zum 800RB sind High-Gain Sounds möglich.

 

Erstaunlich ist die erreichbare Lautstärke und Impulsfestigkeit des Amps. Die neueste Generation der leistungsstarken icePower Module aus dem Hause B&O zeigen, dass Class D Amps auch für große Bühnen taugen und mit altbekannten "Eisenschweinen" mithalten können. Der Legacy klingt sehr direkt mit fettem Punch. In dieser Hinsicht ist er vergleichbar mit dem Glockenklang Steamhammer oder dem Markbass LM Ninja.

Fazit

Wenn ich mich schnell entscheiden muss, welchen Amp ich bei Live-Gigs oder im Probenraum einsetzen möchte, greife ich oftmals zum Gallien-Krueger 800RB oder zum 400RB-II. Ich schätze deren durchsetzungsstarken Sound, der quasi "alle Regler flat" zur Verfügung steht. Meine Erwartungen an den Legacy waren hoch. Wurde er in den Vorab-Ankündigungen als würdiger Nachfolger eines 800RB gepriesen, musste er sich diesem Vergleich erstmal stellen.

Der Grundsound des Legacy ist ein anderer als der des 800RB. Aber es ist möglich, den altbekannten Sound nahezu einzustellen.

 

11.2019